Kein WeChat – Kein Leben

Interview mit Jie Tan Spada, Inhaberin China Specialist,
Cultura and Language Services

«Chinesen nutzen WeChat in ihrem Alltag fast für alles.» Jie Tan Spada

Vorname/Name: Jie Tan Spada
Alter: 45 Jahre
Funktion/Arbeitgeber: Gründung der Firma China Specialist Bern, Schweiz
Spezialist für Culture & Language Services
Ausbildung: MBA in E-Business


 

 

 

Frau Tan, das Internet in China explodiert. Mehr als 730 Millionen Menschen sind in China online, ohne dass es im Rest der Welt gross wahrgenommen wird, denn was in der westlichen Welt unter GAFA (Google, Amazon, Facebook und Apple) bekannt ist, dessen chinesischen Gegenstücke heissen Baidu, Alibaba und Tencent, kurz auch BAT genannt.

Jie Tan Spada: Ja genau, Baidu, Alibaba und Tencent heissten die drei Grossen in China und sie sind breiter aufgestellt als die Giganten Google, Amazon, Facebook oder Apple. Sie konzentrierten sich bislang auf den gewaltigen Chinesischen Markt und haben alleine dort eine Grösse erreicht, die mit ihren westlichen Vorbildern vergleichbar ist.

Bei uns in der Schweiz ist vor allem Alibaba und Aliexpress vielen Leuten ein Begriff. Können Sie uns diese Erfolgsstory in Kurzform umschreiben?

Jie Tan Spada: Alibaba wurde 1990 von Jack Ma gegründet. Das Konglomerat betreibt mit Taobao die grösste E-Commerce der Welt und der Konzern beherrscht 80% des chinesischen Online-Shopping-Marktes. Alibaba bietet den 550 Millionen aktiven Benutzern aber auch eine Suchmaschine, Bankdienstleistungen, Unterhaltungsevents, Cloud Computing etc. Mit einer Kapitalisierung von 450 Milliarden Dollar liegt Alibaba auf der Liste der wertvollsten Firmen auf Platz sieben.

In der Schweiz ist Alibaba aktiv mit Aliexpress, einem Online-Marktplatz für chinesische Waren. Zu kaufen gibt es fast alles: Elektrozubehör, wie Handykabel aber auch Kleider und Schmuck.

Baidu ist das chinesische Gegenstück zu Google. Was müssen wir über diese Suchmaschine wissen?

Jie Tan Spada: Baidu heisst auf deutsch «unendlich oft» und ist mit 80% Marktanteil und einem Umsatz von umgerechnet 10,6 Milliarden Dollar die grösste chinesische Suchmaschine. Dies auch, weil Google aus Zensurgründen nur in Hongkong aktiv ist.

Sie sind gebürtige Chinesin und leben seit 15 Jahren in der Schweiz. Inwiefern unterschiedet sich das Social Media Verhalten von Westlern und Chinesen systematisch?

Jie Tan Spada: Ich möchte hier drei Besonderheiten des chinesischen Social-Media-Verhaltens hervorheben.

Erstens werden die Kaufentscheidungen stärker sozial beeinflusst, d.h. bei Konsumenten in China haben persönliche Empfehlungen einen massiv höheren Einfluss als in der westlichen Welt.

Zweitens sind Chinesische User sehr offen für die Inhalte und Interaktionsinhalte von Marken. Marken sind in China im digitalen Raum willkommene Gesprächspartner, besonders wenn sie unterhaltsamen und relevanten Content bieten.

Und drittens: Chinesische Internetnutzer sind hochgradig aktiv und erstellen und teilen mehr Content als ihre westlichen Peers. Das Internet ist in China in hohem Masse «Mitmach-Internet», das in einer staatlich kontrollierten Medienlandschaft neue Freiräume für Meinungsäusserungen und Selbstdarstellung schafft.

Ihr täglicher Kontakt aus der Schweiz zu Ihrer Familie und Ihren Freunden in China läuft zu 99% über WeChat, dem meistverbreiteten Chat-Dienst in China. Erzählen Sie uns davon.

Jie Tan Spada: Chinesen nutzen WeChat – das Smartphone-Programm, das einst als China-Kopie des amerikanischen Messangers Whatsapp gestartet wurde – für ihren Alltag heute für fast alles: Nachrichten verschicken, Telefonieren mit und ohne Videobild, Kinokarten, Zugtickets und Reisen buchen, ein Taxi bestellen, Arzttermine vereinbaren und jede Art von Rechnung bezahlen sowie Geld von einem Nutzer an den anderen überweisen – innerhalb von Millisekunden

Stellen Sie sich vor, rund eine Milliarde Chinesen regeln mit dem Dienst WeChat ihr Leben. Und die Regierung hat auf die Daten vollen Zugriff.

In China selbst ist das Ministerium für Öffentliche Sicherheit von WeChat so begeistert, dass es gerade die amtlichen Ausweisdokumente mit WeChat ersetzt hat. In Guangzhou darf man seit kurzem seinen Personalausweis zuhause lassen. Zugtickets, Hotelanmeldung, Tanken – alles, was eine Identifikation erfordert, erledigt WeChat, auch per Gesichtserkennung.

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