Interview mit Georg Boehm, Chief Operation Officer (COO) bei Troester Machinery in Shanghai und Expat in China seit 2013

Lieblingszitat:
„Zum Erfolg gibt es keinen Lift. Man muss die Treppe benutzen.“ Emil Oesch, Schweizer Schriftsteller und Verleger

Was bewegt erfolgreiche Manager dazu, als Expat nach China zu gehen? Wodurch zeichnet sich ihr neues Leben dort aus? Was wirkt auch nach einem längeren Aufenthalt noch immer anziehend? Ein C-Level-Manager und Expat gibt Auskunft und beantwortet in diesem Leuchtturm 13 Fragen.

Ich arbeite in China weil…
…ich die Herausforderung liebe, eine leitende Position im Ausland mit einer faszinierenden Kultur mit wundervollen Menschen zu übernehmen und für mich sowohl beruflich als auch privat eine klare Horizonterweiterung war und immer noch ist. Man wächst mit seinen Aufgaben – Carpe diem!

Zum ersten Mal in China war ich…
…von dem dynamischen und manchmal „Wettkampf-Modus“-lastigen Fahrstil meines Taxifahrers überrascht – lach. Was in der Schweiz bestimmt 10 Unfälle verursacht hätte, ist in China Alltag und kein Problem, da alle Verkehrsteilnehmer (Objektiv betrachtet) aufeinander achten. Der Verkehr ist wie das Leben: Ein Kampf nach vorne zu kommen und funktioniert erfolgreich nur nach dem „Bruce Lee-Prinzip“: Sei wie das Wasser und passe dich den Gegebenheiten an!

Besonders interessieren mich an China…
Die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Chinesen möchte ich besonders als chinesisches Alleinstellungsmerkmal hervorheben und habe ich sonst nur in Süd-Italien kennengelernt: Wenn man sich auf die Kultur und die Leute offen einlässt, wird man Teil der Familie, des „Inneren Kreis“ – La Familia. Franziska und Marc werden Euch das auch bestätigen können!

Nie verstehen werde ich in China…

Das Wort „Mass“ ist für viele Chinesen ein Fremdwort: Alles oder nichts ist hier die Devise und das Alltagsbild zeichnet sich durch Extreme aus, sei es bei den Autos, Immobilienpreisen, Investments, den gesetzten Glücksspiel Summen, den Mao-Tai-Reisschnaps-Businessdinner Trinkgelagen oder dass einfach immer viel zu viel Gerichte beim Dinner bestellt werden… Ein weiteres Merkmal, an das man sich in China gewöhnen muss, ist das Thema Pünktlichkeit und Verbindlichkeit, welches frei interpretiert wird und speziell bei uns Schweizern/Deutschen, welchen das Thema wichtig ist, manchmal auf Unverständnis trifft.

Meine Heimat vermisse ich manchmal wegen…
Meinen alten Freunden, Familie und Bekannten, die ich durch meine Standortwahl nicht so oft sehe. Ich bin jedoch mehrmals im Jahr in Deutschland, nicht nur geschäftlich unterwegs, deshalb hält sich das Defizit im angemessenen Rahmen.

Mein Heimatland könnte aus der chinesischen Arbeitswelt gebrauchen…
Spontanität, Dynamik und Offenheit neue Sachen auszuprobieren. Nicht viel reden, sondern einfach machen: Eine gemeinsame Lösung finden und zeitnah umzusetzen. Das zeichnet China aus und spiegelt sich auch in deren starker Marktwirtschaftslage und Entwicklung der letzten Jahre wieder.

An der deutschen Arbeitswelt schätze ich im Vergleich zu China…
Das Thema Nachhaltigkeit, das strukturierte analytische und vorausdenkende Arbeiten sowohl als die praxisnahe Ausbildung an der University of Applied Science (FH), die ich besuchen durfte.

Der grösste Kulturunterschied zwischen Deutschland und Chinesen ist…
WENN hier in China etwas funktionieren soll, braucht man einen Plan A, B, C, D und eine Spontan-Lösung. Auch das Thema Gesicht wahren ist immer noch sehr wichtig und es erfordert Fingerspitzengefühl, den chinesischen Mitarbeiter nicht ungewollt auf den „psychologischen Schlips“ zu treten.

Wer in China nur eine Stadt sehen kann, dem empfehle ich…
Puh… grosse Auswahl, aber ich empfehle Chengdu im zentral gelegenem Sichuan, was sich in den letzten 20 Jahren unglaublich entwickelt hat und die Tradition und Kultur mit der modernen Neuzeit in bemerkenswerten Einklang bringt. Unbedingt das Gesichterwechsel-Theater und die „Fress-Strasse“ in der Altstadt besuchen, als auch die grosse Panda Aufzuchtstation, der das National Tier Chinas darstellt!

Wer in China nur ein Gericht probieren kann, dem empfehle ich…
Xialongbao, das sind in Bambuskörbchen gedämpfte „Maultaschen“, die auch Suppe in der Tasche enthalten: super lecker, aber Achtung, dass ihr die Zunge nicht verbrennt!

Wenn ich mir China in 2022 vorstelle, dann sehe ich…

1.) Wasserstoff betriebene, schon teil-autonom fahrende Autos im regulären Strassenverkehr. Wie bereits erwähnt, treiben die Chinesen extrem die Entwicklung und Wirtschaft voran!
2.) Standard Hotels, wo man nur per Gesichtserkennung einchecken kann inklusiv Roboterpersonal (Barmann & Zimmerservice). Dies kann man übrigens schon auf eurer bevorstehenden Studienreise in Hangzhou in einem dortigen Hotel ausprobieren!

Welches war das prägendste Erlebnis, das Sie in Ihrer beruflichen Laufbahn in fernen China erlebt haben?
Da gibt es einige, aber das witzigste und prägendste Ereignis, was mich zum Umdenken gebracht hat, war das, als ich einem chinesischen Mitarbeiter einen Sachverhalt bildreich zu erklären versuchte und er einfach vor mir eingeschlafen ist….da fällt einem echt die Kinnlade runter. Ein Vortrag, wie in Deutschland, funktioniert hier nur bedingt und ich schwenke dann meistens auf Workshops mit intensiven Brainstormings ein, um die Mitarbeiter besser an der Stange zu halten und persönlich /aktiv zu integrieren.

Welchen Ratschlag geben Sie den Studierenden, welche in wenigen Tagen ihre China-Studienreise hfwgoeschina in Angriff nehmen, mit auf den Weg?

Es gibt keine Probleme….nur kleine und grosse Herausforderungen, an denen du dich persönlich, fachlich und charakterlich misst und wächst. Fehlentscheidungen und Fehler zu machen ist nie schön, diese sind aber essentiell notwendig, da nur dadurch eine positive Selbstentwicklung ermöglicht wird! Deshalb ist es wichtig, auch einmal die „Komfortzone“ zu verlassen und seine Grenzen neu auszuloten! Wenn du etwas erreichen und verändern willst, musst Du selbst die Veränderung sein! Eine der angenehmsten Arten zu lernen ist, wenn du auf Reisen gehst, um andere Orte, Kulturen und Menschen kennenzulernen, was in der heutigen Zeit der Internationalisierung wichtig ist und sich auch gut im Lebenslauf macht. Die China-Studienreise kann deshalb ein erster Schritt in diese Richtung der Persönlichkeitsentwicklung sein, auf den Geschmack zu kommen und ich wünsche euch viel Spass und unvergessliche Eindrücke im Reich der Mitte, die ihr in die Schweiz zurücknehmen könnt! Denn wer eine Reise tut, der kann etwas erzählen! Yīlùpíngān! Alles Gute!

Georg Boehm, 35 Jahre, Chief Operation Officer, Troester Machinery Shanghai
Ausbildung: Dipl. Ing. (FH) Produktionstechnik, Fokus QM, Fertigungsplanung und Steuerung und Projektmanagement an der University of Ap-plied Science in Rosenheim/Deutschland Aktuell: Class 2019 – Global Executive MBA an der China Europe International Business School CEIBS in Shanghai, Barcelona & Zürich

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